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Wie man nach einem Schleudertrauma nicht ins Schleudern gerät

Nützliche und hilfreiche Hinweise zum Thema HWS-Schleudertrauma

  1. Wie kommt es zu einem HWS-Schleudertrauma?

    Herr Gemütlich steht mit seinem BMW vor einer Verkehrsampel und wartet auf Grün. Plötzlich erhält er einen heftigen Stoß von hinten. Er muss feststellen, dass ein anderes Fahrzeug aufgefahren ist. Sein PKW wurde sogar noch ein Stück in den Kreuzungsbereich hineingestoßen. An der Unfallstelle spürt er zunächst keine Schmerzen. Gegenüber der Polizei gibt er deshalb an, nicht verletzt worden zu sein.

    Kurze Zeit später spürt er Schmerzen im Nacken, am Hinterkopf und im Schulterbereich. Zu der schmerzhaften Bewegungseinschränkung von Kopf und Hals kommen noch Schluckbeschwerden hinzu.

    Herr Gemütlich sucht deshalb am Nachmittag des Unfalltages seinen Hausarzt auf. Dieser diagnostiziert ein HWS-Schleudertrauma. Er verschreibt ein schmerzlinderndes Medikament, verordnet das Tragen einer Zervikalstütze (Schanz’ sche Krawatte) und schreibt Herrn Gemütlich für 14 Tage arbeitsunfähig krank. 

  2. Welche Beschwerden treten bei einem HWS-Schleudertrauma normalerweise auf?

    Bei einem Heckaufprall kann es zu einer Beschleunigungsverletzung der Halswirbelsäule kommen, wenn der Kopf peitschenartig zunächst nach vorn und dann sofort wieder nach hinten geschleudert wird. Beschleunigungsbedingte Verletzungen können auch bei Front- und bei Seitenkollisionen auftreten.

    In leichten Fällen können nach längerer schmerzfreier Zeitspanne Schmerzen im Nacken, am Hinterkopf und eine schmerzhafte Bewegungseinschränkung von Kopf und Hals auftreten.

    In schwereren Fällen werden nach einem kürzeren schmerzfreien Intervall neben der schmerzhaften Bewegungseinschränkung von Kopf und Hals Schluckbeschwerden und Schmerzen im Mundbodenbereich angegeben.

    In schweren Fällen können sofort nach dem Unfall Schluckbeschwerden, Schmerzen im Mundbodenbereich, schmerzhafte Bewegungseinschränkungen von Kopf und Hals, Kribbeln und Taubheitsgefühle an Händen sowie Hör- und Sehstörungen auftreten.

  3. Mit welchen Einwendungen muss bei HWS-Verletzungen gerechnet werden?

    Mit der Regulierung seines Schadens beauftragt Herr Gemütlich einen erfahrenen Verkehrsanwalt. Dessen Kosten muss die gegnerische Haftpflichtversicherung übernehmen, zumal Herrn Gemütlich an dem Verkehrsunfall kein Verschulden trifft.

    Die Forderung, ein angemessenes Schmerzensgeld zu zahlen, wird allerdings zur Überraschung des Herrn Gemütlich von der gegnerischen Versicherung abgelehnt.

    So bestreitet die Versicherung, dass Herr Gemütlich bei dem Verkehrsunfall überhaupt eine Verletzung erlitten habe. Die kollisionsbedingte Änderung der Geschwindigkeit habe bei dem Unfall unter 10 km/h gelegen. Bei derart niedrigen kollisionsbedingten Geschwindigkeitsänderungen könnten Verletzungen der Halswirbelsäule nicht auftreten. Dem vorgelegten ärztlichen Attest komme kein Beweiswert zu. Die behaupteten HWS-Verletzungen seien nicht nachgewiesen. Die Diagnose des Arztes beruhe nicht auf objektiven Feststellungen, sondern lediglich auf Angaben des Patienten. Wenn Herr Gemütlich überhaupt Beschwerden der behaupteten Art habe, so seien diese jedenfalls nicht auf den Unfall zurückzuführen. Wahrscheinlich liege ein degenerativer Vorschaden vor. Wenn der Geschädigte einen Mietwagen angemietet hatte, wird von Versicherungen gelegentlich eine Verletzung mit der Behauptung bestritten, dass man mit einem HWS-Schleudertrauma nicht Auto fahren könne. 

  4. Welche Nachweise müssen bei einem HWS-Schleudertrauma erbracht werden?

    Bestreitet die gegnerische Haftpflichtversicherung eine Verletzung der Halswirbelsäule, gerät der Unfallbeteiligte regelmäßig in Beweisschwierigkeiten, weil normalerweise objektivierbare Substanzbeschädigungen im HWS-Bereich fehlen.

    Wer für ein HWS-Schleudertrauma Schmerzensgeld verlangt, muss jedoch zunächst einmal beweisen, dass er bei dem Unfall überhaupt eine Verletzung erlitten hat.

    An den Nachweis einer solchen "Primärverletzung" stellt die Rechtsprechung höhere Beweisanforderungen, als an den Nachweis von Folgeschäden.

    Für den Nachweis einer "Primärverletzung" verlangt der Bundesgerichtshof "einen für das praktische Leben brauchbaren Grad von Gewissheit, der den Zweifeln Schweigen gebietet, ohne sie gänzlich verstummen zu lassen". Einerseits wird für den Nachweis weder absolute Gewissheit noch eine an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit gefordert andererseits reicht selbst eine erhebliche Wahrscheinlichkeit nicht aus.
    Im Prozessfall sah dies bisher meist so aus, dass dem ärztlichen Attest vom Gericht kein Beweiswert beigemessen wurde, weil die Feststellungen des Arztes allein auf Angaben des Verletzen beruhten. Dann wurde ein kraftfahrzeugtechnisches Gutachten eingeholt, das oft zu dem Ergebnis kam, dass die kollisionsbedingte Geschwindigkeitsänderung unter 10 km/h gelegen habe. Schließlich wurde noch ein biomechanisches Gutachten eingeholt, das meist zu dem Schluss kam, dass eine Verletzung der Halswirbelsäule generell ausgeschlossen werden könne, wenn die sog. "Harmlosigkeitsgrenze", die im Bereich zwischen 4 und 10 km/h anzusetzen sei, nicht überschritten wurde.

    In einer bahnbrechenden Entscheidung vom 28.01.2003 VI ZR 139/02 abgedruckt in NJW 2003, 1116 hat der Bundesgerichtshof deutlich gemacht, dass dem Befund des erstbehandelnden Arztes sehr wohl Beweiswert zukommen könne. Der Arztbericht könne derart überzeugend sein, dass das Gericht weder ein kraftfahrzeugtechnisches Sachverständigengutachten zu der Höhe der kollisionsbedingten Geschwindigkeitsänderung noch ein biomechanisches Gutachten zu der Frage einholen müsse, ob der Unfall geeignet war, eine HWS-Verletzung hervorzurufen. Der Bundesgerichtshof wandte sich ausdrücklich gegen die Annahme einer schematischen "Harmlosigkeitsgrenze" bei Heckunfällen, weil das Entstehen von HWS-Verletzungen nicht nur von der kollisionsbedingten Geschwindigkeitsänderung, sondern auch von einer Vielzahl anderer Faktoren, wie z.B. der Sitzposition, abhänge. 

  5. Was sollte der Geschädigte beachten, der ein HWS-Schleudertrauma erlitten hat?

    Gegenüber der Polizei sollte der Unfallbeteiligte klarstellen, dass er an der Unfallstelle noch nicht angeben könne, ob er verletzt sei, weil die Schmerzen erst später auftreten können. Er sollte sich die Stellung eines Strafantrags wegen Körperverletzung vorbehalten.

    Wenn Schmerzen auftreten, sollte der Geschädigte umgehend einen Arzt aufsuchen und sich gründlich untersuchen lassen. Der Verletzte sollte nicht nur darauf achten, dass sämtliche Beschwerden dokumentiert werden, sondern auch darauf, dass der Arzt bei Vorliegen eines HWS-Schleudertraumas dieses auch als Diagnose bestätigt. Mit einen Attest "Verdacht bzw. V.a. HWS-Distorsion" kann der Geschädigte nichts anfangen.

    Das ärztliche Attest sollte die Dauer der Arbeitsunfähigkeit angeben. Verletzungen ohne Arbeitsunfähigkeit werden als Bagatellverletzungen angesehen, für die kein Schmerzensgeld gezahlt wird.

    Wer trotz eines HWS-Schleudertraumas und trotz bestehender Arbeitsunfähigkeit arbeitet, nur um seinen Arbeitsplatz nicht zu verlieren, läuft Gefahr, dass die Versicherung daraus ableitet, dass es mit der Verletzung nicht weit her sein könne.

    Wer trotz eines HWS-Schleudertraumas auf einen Mietwagen angewiesen ist, sollte bei entsprechenden Einwendungen der Versicherung darauf hinweisen, dass man nach einem Urteil des OLG Hamm, abgedruckt in NJW-RR 1994, 793, problemlos auch mit einem HWS-Schleudertrauma einen Mietwagen fahren kann.

    Zur Geltendmachung von Schmerzensgeldansprüchen ist es für den Geschädigten zweckmäßig, einen erfahrenen Verkehrsanwalt einzuschalten. Dieser kann die Höhe des dem Verletzten zustehenden Schmerzensgeldes anhand von Tabellen und aufgrund seiner Erfahrung abschätzen. Im Prozessfall kann der Anwalt die im Einzelfall notwendigen Beweisanforderungen beurteilen. Zum Nachweis und zum Umfang der Verletzung wird der Anwalt sich im Prozessfall nicht nur auf eine Anhörung des Verletzten, sondern auch auf das Zeugnis von Familienangehörigen berufen.

Autor: Dr. Klaus van der Velden
19.05.2005

 

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